Bestellen

Ausgabe: Buch

Bei amazon bestellen
(mit Versandkosten verbunden)

Navigation

Zum Inhalt und Pressestimmen
Autor
Inhaltsverzeichnis
Vorbemerkungen

Krieg der Wörter

Die Kulturkonfliktslüge

von Jürgen Wertheimer

Krieg_Wörter_Cover
Verlag LiteraturWissenschaft.de (TransMIT)
Marburg an der Lahn 2003
252 Seiten, broschiert
ISBN 10: 3-936134-05-7 / ISBN 13: 978-3-936134-05-6

Preis: 14,00

Das Buch will mit einem Vorurteil aufräumen, das meint, es gäbe eine Wirklichkeit der Dinge und eine Wirklichkeit der Sprache, die beide eindeutig voneinander zu trennen sind. Die Kulturkriege zeigen erschreckend, dass der Krieg im Kopf über den Krieg der Wörter zum Krieg der Waffen wird: Symbole, Mythen, Geschichten, Gedichte bereiten das Schlachtfeld. Sprache ist der Transmissionsriemen von Kultur, aber auch von 'kulturell' legitimierter Barbarei. Die Genozide des 20. Jahrhunderts zeigen dies auf erschreckend klare Weise.

2. überarbeitete und mit einem Nachwort ergänzte Auflage 2006.


Zum Inhalt und Pressestimmen

Das Buch will mit einem Vorurteil aufräumen, das meint, es gäbe eine Wirklichkeit der Dinge und eine Wirklichkeit der Sprache, die beide eindeutig voneinander zu trennen sind. Die Kulturkriege zeigen erschreckend, dass der Krieg im Kopf über den Krieg der Wörter zum Krieg der Waffen wird: Symbole, Mythen, Geschichten, Gedichte bereiten das Schlachtfeld. Sprache ist der Transmissionsriemen von Kultur, aber auch von "kulturell" legitimierter Barbarei. Die Genozide des 20. Jahrhunderts zeigen dies auf erschreckend klare Weise.

Mit dieser Erkenntnis ist auch ein möglicher Weg aus dem Dilemma gewiesen. Wenn Kriegsgefühle kommunikativ hergestellt werden können, müsste es - zumal in modernen Kommunikationsgesellschaften - auch möglich sein, Deeskalationsgefühle zu kommunizieren. Präventiv den Sprach- und Wirklichkeitsverfälschern zuvorzukommen, scheint effizienter, als ihnen post factum militärisch hinterher zu hecheln. Das eher essayistisch-polemisch als fachwissenschaftlich geschriebene Buch will keine Spezialisten ansprechen, sondern alle, die an pragmatischer politischer, kultureller und sozialer Gestaltungs- und Erziehungsarbeit ohne globale Ethik und Weltreligionsmission interessiert sind. Es gilt die Formel von Amos Oz. "We can live together as Men or die together as Fools."

 

Peter Turrini in "profil": einfach, scharfsinnig, faszinierend... Lesen Sie das Buch "Krieg der Wörter"!

Julia Kospach in "profil": Wertheimer tritt an zum Kampf gegen Samuel Huntingtons populäre These des unabwendbaren Konflikts der Kulturen, des "Clash of Civilizations". [...] Die große Leistung von Wertheimers Buch besteht darin, eine lange und ungeheuer diverse Reihe von literarischen Texten auf ihren politischen Gehalt zu überprüfen...

Autor

Jürgen Wertheimer ist Professor für Germanistik und Komparatistik an der Universität Tübingen mit den Arbeitsschwerpunkten: Dialog in der Aufklärung, Kulturkonflikte in Texten und Europäische Literaturen. Professuren in München, Bamberg und Metz. Seit 1991 an der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen.

Er ist Herausgeber der Tübinger Celan-Ausgabe (Suhrkamp), seit 1992 Mitherausgeber der komparatistischen Zeitschrift arcadia. Im Verlag C.H. Beck erschienen: "Don Juan und Blaubart. Erotische Serientäter in der Literatur" (1999) und "Strategien der Verdummung. Infantilisierung in der Fun-Gesellschaft" (2001; hg. mit Peter V. Zima).

Veröffentlichungen:

Selbständige Veröffentlichungen

  • Abenteuer Alltag. Europäische Romane von Cervantes bis Zola.
  • Du wachst auf, und der Albtraum beginnt... Europäische Romane des 20. Jahrhunderts. Tübingen 2002.
  • Don Juan und Blaubart. Erotische Serientäter in der Literatur. München: Beck 1999.
  • Italienische Übersetzung: Don Juan e Barbablù. I delinquenti seriali dell'erotismo nella letteratura. Torino 2002.
  • "Der Güter gefährlichstes, die Sprache". Zur Krise des Dialogs zwischen Aufklärung und Romantik (Hölderlin, Diderot, Rousseau). München 1990.
  • Dialogisches Sprechen bei Stefan George. Formen und Wandlungen. München 1978.

Herausgegebene Veröffentlichungen

  • Konfliktherd Toleranz? Analysen, Sondierungen, Klarstellungen. Tübingen 2002. (Hg. in Zusammenarbeit mit Michael Kessler und Wolfgang Graf Vitzthum)
  • Strategien der Verdummung. Infantilisierung in der Fun-Gesellschaft. München: Beck 2001. (Hg. in Zusammenarbeit mit Peter V. Zima)
  • Günter Grass, Wort und Bild: Materialien. Tübinger Poetik-Dozentur. Tübingen 1999. (Hg.)
  • Zeichen lesen. Lese-Zeichen. Kultursemiotische Vergleiche von Leseweisen in Deutschland und China. Tübingen 1999. (Hg. in Zusammenarbeit mit Susanne Göße)
  • Der Exodus aus Nazideutschland und die Folgen. Jüdische Wissenschaftler im Exil. Tübingen 1997. (Hg. in Zusammenarbeit mit Marianne Hassler)
  • Multikulturalität. Tendenzen, Probleme, Perspektiven. Tübingen 1995. (Hg. in Zusammenarbeit mit Michael Kessler)
  • Nelly Sachs. Neue Interpretationen. Tübingen 1994. (Hg. in Zusammenarbeit mit Michael Kessler)
  • Von Poesie und Politik. Zur Geschichte einer dubiosen Beziehung. Tübingen 1994. (Hg.)
  • "Überall in den Köpfen und Fäusten". Auf der Suche nach Ursachen und Konsequenzen von Gewalt. Darmstadt 1994. (Hg. in Zusammenarbeit mit H. Thiersch)
  • Suchbild Europa - künstlerische Konzepte der Moderne. Amsterdam 1994. (Hg.)
  • Das Shakespeare-Bild in Europa zwischen Aufklärung und Romantik. Bern 1989. (Hg. in Zusammenarbeit mit Roger Bauer)
  • Der theatralische Neoklassizismus um 1800. Ein europäisches Phänomen? Bern 1986. (Hg. in Zusammenarbeit mit Roger Bauer)
  • Ästhetik der Gewalt: ihre Darstellung in Literatur und Kunst. Frankfurt am Main 1986. (Hg.)
  • Das Ende des Stegreifspiels - die Geburt des Nationaltheaters: ein Wendepunkt in der Geschichte des europäischen Dramas. München 1983. (Hg. in Zusammenarbeit mit Roger Bauer).

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung

I. Teil: How to commit a Genocide

1. The Day After
2. Anleitung zum Völkermord
3. Kriegsbeschwörung und gute Worte
4. Friedenshetzer und Zeichensetzer
5. Gegen-Maßnahmen
6. Den anderen erfinden. Sich selbst vertuschen.
7. Gemischte Gefühle
8. Kollektive "Identität" - der Tanz um goldene Kälber
9. Irrtümer und Fälschungen: Lessings Nathan.
10. Sprachverzicht und Lesefehler

II. Teil: Lügen-Geschichte(n)

1. Galizien oder: Zerbrochene Illusionen
2. "Die Brücke über die Drina": Verbindung oder Bastion?
3. Tödlicher Kitsch und hohle Symbole
4. Brücke - Festung - Bibliothek: "Urbanozid" und "Memozid"
5. "Kakanien" oder EU? Eine Endlosdebatte

III. Teil: Wie bringt man elf Millionen Menschen um? - Der deutsche Sonderweg

1. Hep! Hep! Hep! - Das böse Märchen von der deutsch-jüdischen Symbiose
2. Der "Kampf" um Eindeutigkeit
3. Zwischen Ghetto und Exil
4. Nachspiel: "Endlösung"

IV. Teil: Gegenlektüren und Topographien

1. "Den Mythos lesen lernen" - Gebrauch und Missbrauch von Geschichte(n)
2. Gefälschte Fälschungen und wahre Wahrheiten: Lessings Verwirrspiel
3. Muslimische Gegenlektüre
4. Jerusalem: Stadt aus Papier
5. Stadtbilder: Barcelona - die Organisation von Verschiedenartigkeit
6. Berlin: Werkstatt wofür?

V. Teil: Präventionen

1. Planstellen gegen Potentaten
2. Tausend Satanische Verse
3. "Konflikt-Entschärfung": Wie?
4. Check List: "How to prevent a Genocide"

Vorbemerkungen

Zugegeben: Dieses Buch mag Baufehler und Defekte, Schlaglöcher und Defizite haben. Den Fehler, sich jenseits der Wirklichkeit zu befinden, hat es nicht. Und die Wirklichkeit sieht anders aus als ethische Kommissionen und wissenschaftliche Kongresse sie sich wünschen. Die größten Lügen haben die längsten Beine, und je durchschaubarer sie zu sein scheinen, umso stärker ist ihre Durchschlagskraft. Eine der dreistesten: es gäbe sogenannte "Kulturkriege", den "clash of civilisations". Die Wahrheit ist: Es gibt Kulturkrieger. Konfrontationsstrategen, die selbst Kulturen dazu verwenden, um daraus Kriege herzustellen und auf Kosten anderer und zum Vorteil kleiner "Eliten" durchzuführen. In der Regel finden Massaker an und von Vielen, die sich nicht kennen statt, zum Nutzen von Wenigen, die sich kennen.

Mit ein paar Jahren Abstand gesehen erinnert man sich kaum noch der Anlässe für Gemetzel und Säuberungsaktionen, die Hunderttausende und Millionen das Leben kosteten: Libanon, Palästina, Sarajewo, die Chiapas in Mexiko, die UÇK in Mazedonien, ETA im Baskenland, Sinn Féin in Nordirland, Kosovo, Ruanda, Osttimor, die Kurden, Judenverfolgungen in Deutschland, Taliban-Milizen in Afghanistan, Religionskriege in Indien ... Die Liste ist endlos. Unterm Strich stehen in allen Fällen zufällige Tote und verschwundene Täter. Und lange bevor Blut floss, begann der Krieg der Wörter.

Die Welt der Kulturen, der Literatur steht deshalb im Schnittpunkt dieser Überlegungen, weil sie oft das Material, den Stoff liefert, aus dem später Fakten gemacht werden. Literatur ahmt seit je Wirklichkeit nach. Doch das Umgekehrte ist nicht weniger zutreffend, - besonders im Kriegsfall. Denn fast jeder dieser späteren Kriege wird auf dem Schlachtfeld der Wörter vorexerziert und vorgespielt. In dieser Phase geschehen die unsichtbaren Verbrechen, fließen Fakten und Fiktionen, Politik und Poesie ineinander, werden unzusammengehörige Partikel in eine gedankliche Linie gestellt, werden Maßstäbe verschoben, Klischees bedient, werden Widersprüchlichkeiten, Unstimmigkeiten, Ambivalenzen, aus denen das Alltagsleben besteht, systematisch getilgt. Jeder ethischen Säuberung geht eine sprachliche Absonderung voraus.

Aus diesem Thema kommt keiner mit philologisch "sauberen Händen" heraus. Ganz abgesehen davon, dass die zentralen ökonomischen und machtpolitischen Hintergründe hier nicht ausgeleuchtet werden können. Widersprüchlichkeiten, Unausgewogenheiten und Überschneidungen sind unvermeidlich und jede Behauptung eines geschlossenen theoretischen Konzepts, einer eindeutigen Lösungsperspektive ist nur der nächste Schritt im Katastrophenszenarium. Huntingtons Schema des unabwendbaren Konflikts mit dem Islam etwa hat die mentalen Weichen gestellt, um jene "Achse des Bösen" zu montieren, auf der wir derzeit in einen heillosen "Kreuzzug" rollen.

Dieses Buch will der Mechanik der Weltbilder etwas entgegensetzen. Etwas offenbar ganz und gar Unglaubliches, Subversives: den Blick für die alltägliche, banale Wirklichkeit des Einzelnen. Ohne den Metaphernsalat der übergeordneten Bedeutungen, der aus einer Gewohnheit eine Tradition, aus der Tradition eine Kultur, aus einer Kultur eine Kultur werden lässt.

Tübingen, Februar 2003

Jürgen Wertheimer